Reden / speeches

Jo Winter: Schwer zu sagen

Jo Winter im Kunstverein Neckar-Odenwald, Altes Schlachthaus Mosbach, 21.07. - 08.09.2013

 

Vielleicht ist dies ein Tempel.

Ein Heiligtum in einer schattigen Aue, an einen kühlen Bach angrenzend. Ein hoher Raum, nicht zu groß – eher ein Tempelchen - keineswegs protzig sondern seiner Bestimmung angemessen.

 

An der Wand, auf dem Boden Objekte, die keinem Zweck zu dienen scheinen. Beim Eintreten spürt man unwillkürlich eine wohltuend auratische Stille. Die Objekte aus Holz, die Skulpturen zu nennen schon eine Einengung wäre, sind eher Kultgegenstände, sichtbare Bestandteile eines Rituals, das uns nicht mehr geläufig ist. Deutlich spürbar hingegen bleiben ihnen aber Eigenheit und Kraft. Wir erkennen sofort die poetisch anarchische Präsenz dieser Dinge. Opfergaben für eine unbekannte Gottheit.

 

Wir sehen einen schlüssigen Kanon an archaischen Formen zwischen Natur und Kultur, zwischen strenger Regelhaftigkeit und Regelbruch, zwischen Werden und Vergehen.

Die Oberflächen nicht schwarz oder weiß wie das noch auf den ersten Blick scheint, weisen sich bei eingehenderer Betrachtung als sehr bewusst hergestellte Flächen, die man eigentlich Malereien nennen müsste. Ein samtenes Schwarz, erzeugt durch Feuer, Urkraft, Segen und Fluch aller Zivilisationen. Ein kalkiges Weiß, selbstverständlich in seiner Anmutung. Keine Farbe, mehr ein Material, welches das Holz nicht verdeckt, sondern atmen und durchscheinen lässt.

Es sind genau diese Oberflächen, die den Charakter der Objekte bestimmen und uns faszinieren.

Die Formen hingegen scheinen uns irgendwie vertraut –schon immer, als wären sie in einem kollektiven Gedächtnis gespeichert.

Vor allem anderen scheint mir aber das Wesen dieser Arbeiten im Geheimnis zu bestehen. Ein Geheimnis, das in den Arbeiten verborgen liegt, unübersetzbar – schwer zu sagen.

 

Vielleicht ist dies ein Königssaal.

Eine Art Vorhalle, die dem Besucher des fremden Reiches eine Vorstellung von seiner Kraft und Größe vermitteln will.

Auf dem Boden Modelle von vergangenen Städten, Burgen, zumindest von Türmen. Ruinen, die noch von einer einstigen Größe zeugen. Gesänge einer verschwundenen Welt. Gewachsen wie Bäume und deutlich vom Menschen geformt, verwandelt in rechteckige hohle Körper, dann das Feuer, das alles Menschenwerk wieder in Natur zurückverwandelt. Architekturen der Vergeblichkeit, Schönheit der Vergänglichkeit.

An den Wänden in strenger Folge emblematische Zeichen, Symbole für einzelne Ländereien oder Grafschaften eines unbekannten Landes. In der Tat kann man sich -ohne die Phantasie groß anzustrengen- diese Zeichen auf Fahnen, auf Schilden, auf Wappen und Urkunden denken. Markierungen der Macht, Zeichen setzend.

Vielleicht befinden wir uns aber auch in der Waffenkammer des Reiches. Aufgereiht wie Schwerter hängen diese Objekte, die allesamt einen Griff zu haben scheinen, einen schlanken Hals zum Zupacken und dennoch wirken sie nicht für einen Kampf geeignet. Mehr ähneln sie den Insignien der Macht, etwa einem Zepter oder einem Reichsapfel, für jeden erkenn- und lesbar, wortlos, über allen Zweifeln erhaben.

Auf den kleinen Zeichnungen finden sich eben diese Zeichen wieder, wie Stempel oder Siegel auf Landkarten, die ein Territorium definieren, in Besitz nehmen.

Bei längerem Betrachten zeigt sich da im übrigen ein spannendes Phänomen: Die Skulpturen an der Wand wirken durch den harten Kontrast nur wenig räumlich. Beim Durchschreiten des Raumes ändert sich der Betrachtungswinkel, doch von allen Seiten ergeben sich verwandte Ansichten, gibt es kaum neue Erkenntnisse. Auch die durch die Wand verdeckte Rückseite lässt sich vom Betrachter leicht ergänzend denken. Die Arbeiten scheinen Ihre Körperlichkeit zu negieren, streben der Zweidimensionalität zu. Fast könnte man von Zeichnungen sprechen.

Ganz anders hingegen verhalten sich die gerahmten Arbeiten:

Die Tuschzeichnungen auf Transparentpapier sind flächig, ohne Zwischentöne. Es sind reine Silhouetten und dennoch ergibt sich ein sehr starker räumlicher Eindruck. Es ist keine illusionistische Räumlichkeit, die hier vermittelt wird, erzeugt durch Perspektive und Fluchten. Es ist vielmehr eine Räumlichkeit wie in einem Papiertheater, wo verschiedene Ebenen hintereinander aufscheinen und so ein Raum entsteht.

Die Linie der technischen Zeichnung oder Landkarte sitzt auf einem Träger mit einer eigenen Anmutung, sei es ein Transparentpapier oder ein gealtertes Büttenpapier. Davor sitzt die Tuschzeichnung als würde sie nichts mit der darunterliegenden Ebene verbinden. Davor nochmals eine Pinselstrich, eine Farbe wiederum losgelöst von allem was dahinter liegt. Durch dieses Verfahren, dem Zusammensperren verschiedener Dinge, die nichts miteinander zu verbinden scheint, ergibt sich eine im Sinn des Wortes „vielschichtige“ neue Welt.

Es entsteht dabei nicht nur eine Räumlichkeit auf dem Papier, sondern beim Betrachter verbinden sich im Kopf die verschiedensten Welten: die funktionale technische Zeichnung mit der abstrakten Tuschefigur, das lesbare Wort mit der nichtsagbaren Präsenz des Pinselstrichs.

Bekanntes und Gefundenes verbindet sich mit Unbekanntem und Erfundenem zu etwas ganz Eigenem, Neuen.

Was dies genau ist, was so offensichtlich da liegt und im Moment des Sehens wahr wird,

ist – man merkt es schon – schwer zu sagen.

 

Vielleicht ist dies ein Labor oder eine Werkstatt.

Versammelt sind hier die vielfältigsten Formen der Natur. Meist sind es pflanzliche Formen – Erinnerungen an Blätter, Blütenstände, Fruchtformen drängen sich auf. Ein ganzes florales Alphabet wird sichtbar. Und bald wird deutlich: Die Skulpturen scheinen gewachsen zu sein. Eine Sammlung von unbekannten Pflanzen oder neuen Züchtungen ist hier zusammengetragen. Hier an diesem versteckten Ort im Grünen wird experimentiert mit neuen Formen: Es entstehen Kreuzungen und verschiedene Elemente tauchen in immer neuen Variationen immer wieder auf. Die Zeichnungen werden zu Schautafeln, zu Plänen neuer Schöpfungen. Auf dem Boden Modelle dieser Pflanzen. Die technischen Vorrichtungen, die Winden und Haken an der Decke scheinen wie dafür bestimmt, die schweren Modelle zu bewegen, sie neu zu ordnen oder weiter zu bearbeiten. Es sind ohnehin nur vorläufige Zustandsbeschreibungen. Nie gibt es eine einzelne Form, immer werden auch gleich Variationen präsentiert. So oder so könnten sie aussehen die noch namenlosen Kreationen, die hier in einer Besessenheit und Konsequenz gesucht und entwickelt werden, die spürbar ist. Jede Kunsthandwerklichkeit ist diesen Objekten fern. Sie erzählen eher von einer schon wissenschaftlich zu nennenden Gründlichkeit und einer Suche nach existentieller Gültigkeit.

 

Ein Ansatz, den so ähnlich auch schon Karl Blossfeldt hatte. Bereits vor über hundert Jahren war er zunächst Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Berlin für das Fach „Modellieren nach Pflanzen“. In den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte er dann die spektakuläre Fotoreihe von Pflanzen, die unter dem Titel „Urformen der Kunst“ zu einem Grundstein der Moderne wurde und bis heute nichts an ihrer elementaren Wucht und Kraft eingebüßt hat. Zu sehen sind 12-15-fache Vergrößerungen von Samenkapseln, Blütenständen und Blattansätzen, die ihren geheimen Bauplan preiszugeben scheinen. Es zeigt sich eine Ornamentik die ganz dem Reichtum der Schöpfung entspringt, eine Struktur von atemberaubender Schönheit.

 

Ganz ähnliches offenbaren uns diese Arbeiten. Wir sehen nichts wirklich Neues. Das gründet in der Gelassenheit des Künstlers, der weiß, dass es unter dieser Sonne nichts Neues gibt. Und dennoch wird hier etwas sichtbar, was sonst im Verborgenen schlummert. Es springt uns ins Auge, verändert unser Sehen. Sie werden es merken, wenn Sie nachher mit aufmerksamem Blick in die Natur auf Ihrem Spaziergang zurückgehen. (Zum Glück kann man mit dem Auto nicht bis hier vor die Tür fahren.)

 

Sind es wirklich nur florale Formen? Links vom Eingang sehen wir eine Form, die doch eher zu einem Tier zu gehören scheint. Fragmente einer Art Wirbelsäule, kurze kräftige Rippenbögen die auch an die ehemalige Nutzung des Gebäudes als Schlachthaus denken lassen.

 

Ob nun Flora oder Fauna ist – Sie ahnen es – schwer zu sagen, spielt hier aber auch gar keine Rolle. Es geht offenkundig um etwas anders.

 

Diese Arbeiten, das ist überdeutlich, zeigen keine abstrakt geometrischen Welten, spiegeln keine Konzepte, keine Regelwerke und Ideensammlungen.

Ganz im Gegenteil: Es sind lebendige, veränderliche, wachsende Formen. Sie bevormunden den Betrachter nie, geben immer Raum für andere Lösungen, tragen dieses Prinzip schon in sich. Sie bergen existentielle Geheimnisse. Es sind sinnliche Objekte mit einer haptischen Präsenz, die in ihrer Gesamtheit nur in der originalen Begegnung erlebbar sind. Kein blendender Glanz, keine spiegelnden Oberflächen welche die Künstlerhand verleugnen interessieren hier. Man sieht die Arbeit, man sieht die Lust an einer nicht endenden Suche.

 

Jo Winters Arbeiten feiern das Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Sie erzählen auch vom Vergehen und vom Tod, doch eben das gehört zu dieser Feier unabdingbar dazu.

Sie offenbaren dem, der sich für dieses Fest die nötige Zeit nimmt Wahrheit und Geheimnis, doch sie lassen sich nicht in Sprache übersetzen.

Und deshalb trägt diese Ausstellung zu Recht den schönen Titel „schwer zu sagen“.

 

Peter Riek, im Juli 2013

 

Jo Winter: Die Ordnung und das Chaos

Jo Winter: Die Ordnung und das Chaos

"Über und über" hat Jo Winter diese Ausstellung benannt, liebe Freundinnen und Freunde der Galerie Beck. Das ist ein hintersinniger Titel, wie Sie bald sehen werden. Was dabei nicht verdrängt werden sollte, ist das Chaos, das in diesem Titel auch steckt.

Jo Winter, 1949 im Schwäbischen geboren, zeigt sich mir in den wenigen Monaten, die ich ihn kenne, von einer bestaunenswert geordneten – ja – systematischen Seite. Es scheint alles so wohl eingerichtet in seinem Leben, dass einem seine Zweifel an der Welt, das Infragestellen der Systeme beim ersten Eindruck unwahrscheinlich vorkommen: Da ist das Studium der Biologie, sind die Studien am Zeicheninstitut an der Uni Tübingen seit 1976, die Promotion als Biologe 1980, der beharrliche Ausbau - ein wahrer Rettungsversuch! - eines alten Bauernhauses in einem nur wenige Seelen zählenden Dorf am Rande von idyllischen Weinbergen und Wäldern, über jeden Zweifel erhaben ist die herzliche Offenheit, mit der Jo und Gabi einem begegnen, und da ist schließlich die Halbtagesstelle zum Broterwerb.

Das Infragestellen der Systeme ist es jedoch, was einen Künstler umtreibt. Als solcher hat Jo Winter einen dreißigjährigen Weg hinter sich. Bei dem, was er vorzuzeigen hat, ist es ein entwicklungs- und wandlungsreicher Weg. Mir scheint zudem, es ist einer, der auf Rückversicherung baut. Ein Weg, der Rückversicherung nötig hat. Doch dialektisch betrachtet, beunruhigt ihn gerade das Unsystematische, das Chaos in der Welt. Unruhe spürt nämlich der um so mehr, der aus dem Zustand der Ruhe beobachtend wirkt.

Das ist daran festzumachen, dass Jo Winter kommentarreich arbeitet. Pinsel, Tusche, Paukenschlag wie in Haydns Sinfonie: Er traut sich. Winter traut sich äußerst prononcierte Einwürfe zu, wofür die Übermalungen von Texten – aus Büchern herausgetrennte Seiten und Notenfaksimiles – stehen, die seit 1994 entstanden sind und die Sie nachher in den Katalogen betrachten können. Davon kündet überdies die konstante Zeichenhaftigkeit seiner Bilder. Und dafür steht die Dominanz der Farbe Schwarz.

Doch bevor solch ein Kommentar entsteht, muss es stets eine Phase des Herantastens und Einfühlens geben, eine Phase des Werdens. Die Physiker hantieren verbal am liebsten mit Quantensprüngen, die Biologen raunen von Evolution. Als Biologe weiß Jo Winter sehr wohl, dass eins aus dem anderen wächst und Geduld eben auch eine Kategorie in der Kunst sein kann. Wenn Sie die zeichnerischen Elemente auf seinen heutigen Bildern genau untersuchen, entdecken Sie demzufolge in vielen Linien Spuren einer länger währenden Schöpfung, Zeichen einer weitausholenden Poesie. Aber bevor ich diesen Faden verfolge, muss ein wenig ausholen.

Als Matthias und Susanna Beck und ich bei Gabi und Jo Winter im Dezember zu Gast waren, um zu sichten, was er für seine Ausstellung hier in Homburg plante, stiegen wir in sein Atelier unterm Dach hinauf. Das Treppenhaus dorthin ist – wie bei fleißigen Malern üblich – vollgehängt und zugestellt mit Bildern. Sehr viel Malerei ist darunter. Bis auf wenige Gemälde, die Jo uns zeigte, hatte ich das Gefühl, er wolle diesen Teil seiner Arbeit als Vergangenheit zurückstellen.

Meine Vermutung: Vielleicht weil diese Bilder Jos´s Auseinandersetzung seine Herkunft als Künstler preisgeben könnten? Ich weiß es nicht. Aber es ging mir nach. Ich empfand diesen Eindruck für ihn selber als ungerecht, denn er weiß ja, dass sich Biografien oder Teile von ihr nicht zurückstellen lassen.

Dabei verweist die Zäsur, die ich zu spüren glaube, direkt auf die Malerei. Die Auseinandersetzung mit Buch- oder Notenseiten geschah ja gerade, um Konnotationen und Korrespondenzen herzustellen: Die Figur, ein Gegenstand, ein Zeichen verhält sich zu seinem Hintergrund und dessen inhaltlicher Position. Vergleichbar ist das mit einer Skulptur, die wir ja auch nicht ohne Umgebung wahrnehmen. Vergleichbar ist es mit einem Gemälde mit einem narrativen Hintergrund. Und hier – im ÜberZeichnen – geht die Auseinandersetzung mit Malern ja auch direkt weiter: mit Reaktionen zu und auf Ensor, Cranach oder Kiefer, älteren Kupferstichen oder sehr bildhaften persischen Miniaturen. 1998 notiert er (und ich zitiere aus dem Katalog „Arbeiten auf Papier“): „Brauche das bedruckte Blatt. Ein weißes leeren Blatt ist abweisend, kalt, schirmt sich ab, möchte seine Reinheit bewahren. Ein Strich verletzt. Ein bedrucktes Blatt wirkt beruhigend. Es ist lebendig, voller Spuren und Zeichen – auch der Zeit und des Zerfalls. Es hat Geschichte...Ein Strich fügt sich ein, reibt sich, ergänzt, setzt Kontraste.“ – Auch das meine ich mit Rückversicherung.

Eine lange Vorrede?

Ich denke, keine überflüssige: Wenn Sie sich gleich mit Jo Winters künstlerischer Selbstbeschreibung im Ohr umsehen, dann umgeben Sie die Zeugnisse einer weiteren Zäsur. Jo Winter hat sich dem weißen Blatt zugewandt. Es ist Pergament-Papier, und auf einmal kann von der „beruhigenden Wirkung“ des Malgrunds nicht mehr die Rede sein. Oder doch? Pergament hat die Eigenschaft, durchsichtig zu sein, was zulässt, dass Jo Winter seine neuen Bilder in mehreren Schichten aufbaut. Hinter dem Strich, den er vormals verletzend nannte, sind ambivalente und von der Zahl der Blätter abhängige, farblich differenzierte Meta-Formen sichtbar. Die Kompositionen sind im wahrsten Sinn des Wortes vielschichtiger, hintergründiger – prozesshafter. Zur Komplexität trägt überdies die Oberfläche bei: Das Pergament wellt sich durch die Tusche, und selbst das die Figur umgebende milchig weiße Material reagiert auf den Pinsel.

Die Zeichen, Figuren oder eben die Kommentare gewinnen durch all das eine noch dynamischere Qualität als es der Pinselstrich oder die ausgeformte Figur auf den Übermalungen hatten. Auch der Strich des schwarzen Stiftes – Grafit ist ihm zu grau – gewinnt auf dem Pergament eine bemerkenswerte Differenzierung.

Jo Winter selber weist auf die farblichen Nuancen hin, die durch die neue Technik entstehen. Er sagt, was ihn zu dieser Erfindung getrieben habe, sei in der Malerei und ihren Hintergründen verwurzelt. Somit sehen wir uns mit einer doppelten Rückversicherung konfrontiert.

Sie spüren, worauf ich hinaus will? Rückversicherung muss nichts mit mangelndem Mut zu tun haben. Sie ist ein Merkmal der Evolution. Sie ist Ausdruck von Sensibilität. Das Erzählende wie das Appellierende kommt ohne Rückversicherung nicht aus. Jo Winter fordert für sich Konsequenz, und er ringt um Entwicklung – und er erzählt, appelliert. Seine Zeichen für unser aller Bedrohung sind mannigfaltig: Wir erkennen Köpfe, Vögel, Häuser, zerfließende oder sonst wie gefährdete Formen. Immer wieder sind Köpfe und Figuren zu erahnen, die manipuliert, menschlich zurückgesetzt oder beschädigt wirken. Erdrückendes, Bedrohliches, Amorph-Erfühltes spielt sich ab oder ist in Gespinsten erfasst. Dabei ist das Zeichenhafte derart formuliert, dass es mitunter abstrakt scheint. Ängste wie auch Glück lassen sich, wenn wir ganz tief in uns hineinhören, gar nicht präzise verifizieren, aber sie sind manifest. Das lässt sich erinnern bis in die Kindheit eines jeden von uns: Seit wir den Stift oder den Pinsel halten konnten, arbeiteten wir an Abbildern von Häusern als Symbol für Geborgenheit, an Tischen als Symbol für die Ernährung, an Sonnen, die uns wärmten und Licht gaben, an Blumen, die uns erfreuten, und besondere Mühe verlangten uns die Köpfe ab. Dunkle Wolken waren zum Glück seltener. Stellen wir eine Verbindung her zu den Plastiken, die Sie hier auch versammelt sehen - zu Häusern, Mauern, Treppen -, Plastiken, die Jo Winter aus Eichenholz mit kleinem Schwert herausarbeitet und die fast spielzeugartig dimensioniert sind, dann droht uns wohl eine furchterregende Stufe der Evolution – gesellschaftlich wie biologisch. Jo Winter hat das erkannt, das treibt ihn um. Wenn Sie ihm Anerkennung zollen, geben Sie ihm die Hand. Mich treibt es, seinen weiteren Weg zu verfolgen.

 

Burkhard Baltzer

 

Jo Winter: Vegetationen

Jo Winter: Vegetationen

Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck

JO WINTER // VEGETATIONEN

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung im Museum Biedermann (Leseraum) am 6.11.2011

 

Jo Winters „Vegetationen“, das sind Arbeiten, die – ob in Form der Zeichnung oder in Gestalt der Skulptur – in der Zwischenwelt von Natur und Kunst angesiedelt sind. Zunächst geht es um das natürlich Wachsende, die Entwicklung in der Zeit, um die Zwischenform zwischen Jetzt und Nachher. Es geht kurzum um all das, was das Pflanzenwachstum ausmacht, um den steten Wandel, der alles Lebendige bestimmt. Insofern sind Jo Winters Werke, eben Knospen und Bäume, als Analogien zur Natur zu verstehen. Sie entstehen im Lauf der Zeit und gehen in Serien verwandter Motive aus seiner Hand hervor, ganz so wie Früchte unterschiedlichen Typs und unterschiedlicher Epochen.

 

Von der wissenschaftlich-empirischen Anschauung der Natur, wie Jo Winter sie als studierter Biologe kennt, gelangt er sodann über das weit umfassendere, sinnlich-emotionale Erleben zur tiefgründigen Verinnerlichung des Naturerlebens. Dieses findet seinen Ausdruck in einer allgemeingültigen Form, die dem Betrachter nichts drastisch aufzwingt, sondern sich ihm offen anbietet und seine Sensibilität in vielschichtiger Weise anspricht. Zum einen ist da der unaufhaltsame Prozess des Lebens und Überlebens angesprochen, zum anderen die gewaltsamen Eingriffe derer, die sich die Erde „untertan“ machen. Die Natur wird gerodet, Bäume werden herausgerissen, das Naturmaterial in eine künstliche Zweckform gepresst. Formen, die zunächst Pflanzenkeimlingen ähneln, sind in anderer Lesart zu etwas Lebensbedrohendem pervertiert und als Bomben zu interpretieren. Die durch Feuer erzeugte Schwärze unterstreicht diese Aussage zusätzlich. Jo Winter ist jedoch kein einseitiger Fatalist, immer sieht er die zwei Seiten in allem. Eine These ist stets begleitet von der Antithese. Keime und Knospen sind hoffnungsvolle Motive, „morgen ist auch noch ein Tag“ ist – wie auch immer man es deutet – eine zukunftsweisende Aussage.

 

In dem, was diese Werke auch immer beim Betrachter bewirken, sind sie Sinn stiftend. Jo Winters Bilder und Objekte stehen für das unaufhörliche Fortschreiten und die Unumkehrbarkeit der Entwicklung allen Lebens. Einmal umgesetzte Entscheidungen, sei es mit der Schwärze des Tuschpinsels oder mit der Säge, können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Einmal geweckte Assoziationen sind nicht mehr zu unterdrücken. Hier geht es weniger um das Individuelle als um das Universelle, der Künstler betont nicht seine Rolle als Schöpfer des noch nie Dagewesenen, sondern sein Selbstverständnis als Mediator, der die vorhandenen Kräfte der Natur (ob ungebrochen vital oder zerstörerisch) freilegt und bewußt macht. Im Entstehungsprozess kommt das Prinzip des Dialogs zum Tragen, des Dialogs mit der Natur und des Dialogs mit dem Untergrund im Papier, das auch seine Geschichte hat, oder mit dem Material Holz, das wie kein anderes Material ein Eigenleben besitzt. Bei aller Unaufhaltsamkeit gibt es somit auch das Prinzip des Zyklischen, der Wiederkehr in der Natur. Einmal verblüht, stellt die Natur immer wieder Knospen bereit. Auf die Dunkelheit folgt stets der Tag.

 

Jo Winters Ursprung liegt in der Zeichnung als der elementarsten bildlichen Äußerung. In ihr werden Sinneseindrücke nicht nur verarbeitet, sondern auch in eine Synthese mit inneren Gedanken und Empfindungen gebracht. Dabei spricht ihn das leere, unberührte Blatt selten an. Die Intuition, die Bildfindung wird bei ihm genährt durch die Verwendung von benutztem Papier, in diesem Fall von Bögen, die bereits für technische Konstruktionszeichnungen gedient haben. In ihrer opaken Flächigkeit sind jedoch die stilisierten Pflanzenformen, die die kleinteiligen Zeichnungen kraftvoll überlagern, eher mit Übermalungen zu vergleichen. Das dialogische Prinzip liegt hier in der Selbstbehauptung der Naturform, die das Darunterliegende zurückdrängt und nur in den nicht bearbeiteten Stellen eben sichtbar lässt. Die gewachsene Form wird wie ein Statement mit dem Errechneten und Konstruierten in ein Verhältnis gebracht.

 

Das reine Schwarz-Weiss, das Spiel mit Bezeichnetem und Freigelassenem, mit Positiv- und Negativform entfaltet sich wie die dynamische Syntax der asiatischen Tuschpinselzeichnung, die der Kunst der Kalligrafie, dem sicheren Setzen der Zeichen, entspringt.

 

Schematisierung und Zerlegung der Form lässt bei der hier gezeigten Knospenserie gleichzeitig den Gedanken an die wissenschaftliche Einteilung der Natur in Typen denken, wie sie etwa der Anlage eines Herbariums zugrunde liegt. Die Frage des menschlichen Blicks auf die Natur wird hier ganz generell aufgeworfen. Über Jahrhunderte hatte das Pflanzenmotiv in der Kunst eine dienende Rolle inne. Bei Figurendarstellungen hatte es die Funktion eines Symbols, in der Raumausstattung und Architektur kommt es von der Antike bis heute in stilisierter Form zum Einsatz. Die aufkommende Wissenschaftseuphorie im 19. Jahrhundert machte die Pflanze dagegen zum Gegenstand einer klassifizierenden Forschung.

Der heutigen Zeit nun, besonders der zeitgenössischen Kunst, ist es zuzuschreiben, daß die Natur diesem Nutzbarkeitsdenken wieder entzogen wird. Das geheimnisvolle Eigenleben der Pflanze erhält hier neuerlich seine Hervorhebung und Würdigung.

 

Jo Winters Schritt ins Dreidimensionale ist beim Anblick dieser Zeichnungen gut nachvollziehbar. Im Rückblick war die Hinwendung zur Holzskulptur im Jahr 2004 durch Vorangegangenes vorbereitet. Wie sein langjähriger Tübinger Mentor Martin Schmid im Katalog „Zeit der Knospen“ feststellt, sind seine Zeichnung zu scharf umrissenen, plastisch greifbaren Figuren geworden, die sich vom Hintergrund lösen lassen.

 

Wie kein anderes Material übt Holz als ein in der Natur so und nicht anders gewachsenes Material einen besonderen, lebendigen Reiz aus. Durch die Form des Stammes, die Struktur der Jahresringe und Astverdichtungen und die Spezifika der Baumart sind Rahmenbedingungen vorgegeben. Es ist eine besondere Herausforderung, die Grenzen des Materials abzutasten und seine Einschränkungen als Stärke zu betrachten. So verwandelt Jo Winter den Stamm einer schweren Eiche in eine Form, die zwar immer noch wie eine Pflanze mit lanzettförmigen Blättern aus dem Boden wächst, die trotz ihrer Riesenhaftigkeit aber eine Form voller Anmut und filigraner Leichtigkeit ist. Der Titel „Federkrone“ regt Gedankenspiele mit dem Leichten und Schmückenden sowie mit der erhebenden Wirkung der Stele an, aber auch mit dem Hybriden, das im menschlichen Drang zum Ausdruck kommt, das von Natur aus beinah Unmögliche möglich zu machen, bzw. der kronentragende Häuptling zu sein.

 

Ganz klar: In seiner Naturwüchsigkeit sind die Bearbeitungsmöglichkeiten des Holzes nicht unbegrenzt. Jeder Schnitt beinhaltet eine bewußte Entscheidung mit oder gegen die Naturform. Diese kann in der Formwerdung der Skulptur einbezogen oder negiert werden. Mehr als bei jedem anderen Material ist die Skulptur das Resultat eines intensiven Zwiegesprächs. Beim Gehen MIT der Natur ist der Künstler mehr der Geburtshelfer der geheimen, ihr innewohnenden Kräfte. Beim Abringen einer erdachten Form wird hingegen das Zivilisatorische im Umgang mit der Natur berührt. Die Knospen verfügen eben nicht nur über die Regelmäßigkeit der Natur, sondern auch über die Schematik der künstlich ausgeschnittenen Form. Der spannungsvolle Gegensatz zwischen Natur und Technik ist unmittelbar vorhanden. Ob wir hier Blütenkronen oder Maschinenteile oder Räder erkennen wollen, bleibt uns ganz selbst überlassen. So sehr die Natur in dieser Kunst lebt, geht es bei Jo Winter immer auch um die Kunstform und ihre Metaphorik. Semantische Anatomien von erzählerischer Dichte bilden den Nährboden für aufkeimende Assoziationen. So bringt Jo Winter Eindrücke aus Vergangenheit und Gegenwart in eine reduzierte Syntax. Eine Syntax ohne verabredete Bedeutungen, auch je nach Raumsituation und Anordnung wieder anders, aber mit sinnstiftendem Echo. Eine Syntax, die jeder auf seine individuelle Weise lesen und verstehen kann. Eine Syntax, die die Welt als Metamorphose beschreibt und ihren archaischen Formengeist an der Natur mißt und nährt.

 

Jo Winters Formgebung ist von Einfachheit und eindringlicher Prägnanz. Hier meine ich nicht die Einfachheit im Sinne der Simplizität, sondern die Reduktion der Mittel, zu der es automatisch kommt, wenn wir dem Wesentlichen auf der Spur sind. Es ist somit eine spannungsvolle und Energie geladenen Einfachheit, die entsteht, wenn er – wie die Meister des Zen - beim Verfolgen dieser Spur verschiedenartige Kräfte bündelt und austariert: das Passive und das Aktive, das Wachsende und das Zerstörerische, das Dunkle und das Helle, das Schwere und das Leichte.

 

Liebe Zuhörer – oder besser: liebe Betrachter – begeben Sie sich jetzt bitte einfach hinein in die Kraftfelder von Jo Winters Arbeiten, lassen Sie sie jetzt unmittelbar auf sich wirken und ziehen Sie ihre persönliche Botschaft aus ihnen.

© Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck

 

Jo Winter: Vom Schweren und vom Leichten

Jo Winter: Vom Schweren und vom Leichten

Stadt- und Fachwerkmuseum „Alte Universität“

Grußwort Peter Riek

„Schwarzes Fleisch der Frühe, wir sehen es abends, wir sehen es mittags und morgens, wir sehen es nachts, wir sehen und sehen“.

So lautet der Titel der Installation mit verkohlten Holzskulpturen und Arbeitsmänteln von Jo Winter, die hier dominant den Raum beherrscht.

Nicht von ungefähr erinnert der Titel an die berühmte Todesfuge von Paul Celan: „Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts, wir trinken und trinken“, heißt es in diesem berühmt gewordenen Gedicht, das Celan 1947 nach dem Bekanntwerden des ganzen Umfangs des Holocausts geschrieben hat.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ heißt es da weiter.

Kann und darf man über ein solches Thema überhaupt ein Gedicht schreiben?

Das ist bis heute eine der meist diskutierten Fragen, der sich alle Kunst stellen muss. Macht es überhaupt Sinn, in einer so brutalen Welt, in der der Tod als gewaltsame und natürliche Bedrohung permanent nicht nur für den Einzelnen sondern für ganze Völker präsent ist, ein Kunstwerk zu schaffen? Paul Celan beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen „Ja, genau deshalb“.

Und auch Jo Winter bekennt sich eindeutig zu einem vieldeutig poetischen Standpunkt in der Kunst.

Doch auch ohne Kenntnis des Titels stellen sich beim Betrachten dieser Arbeit dunkle Assoziationen ein.

Verkohlte Hölzer, Körperteile vielleicht, aufgehängt wie in einem Schlachthaus.

An den Wänden Uniformen, leinerne Schürzen, zurück gelassen wie nach getaner Arbeit.

Bevor die „Alte Universität“ einmal eine Universität war, war sie zu allererst einmal ein Fleischhaus. Hier wurden Metzgerwaren in einer Art offenen Markthalle zum Kauf angeboten. Und so korrespondiert die Arbeit in diesem Kontext auch mit der Geschichte dieses Hauses.

Das Holz erinnert uns an das, womit Eppingen seinen Wohlstand erworben hat:

An seinem großen Waldbestand.

Holz war in dieser Stadt zuallererst wertvoller Rohstoff zum Bauen von Fachwerkhäusern. Was Jo Winter mit Eichenholz macht, ist etwas ganz anderes. Zwar arbeitet er mit den gleichen Werkzeugen, wie der Waldarbeiter und Zimmermann, nämlich vornehmlich mit der Kettensäge, doch was entsteht, sind filigrane Skulpturen, die trotz ihrer Räumlichkeit und Handwerklichkeit, den Säge- und Arbeitsspuren, doch deutlich einem zeichnerischen Formenschatz entstammen.

Es sind Modelle von Schiffen, Häusern, Hausgerippen, Türmen und Landschaften und doch besitzen diese Miniaturen gar nichts lieblich Verniedlichendes. Es sind Modelle, die von existenziellen Nöten und Daseinsbedingungen erzählen. Die Installation „nachtlang immer wieder“ aus feuergeschwärzter Eiche lässt an kriegszerstörte Städte denken wie etwa Heilbronn nach dem Angriff vom 4. Dezember 1944: Brandruinen und Hausskelette. Die verkohlten Schiffsleiber: Versuche des Entrinnens, die auch noch scheiterten.

„Vom Schweren und vom Leichten“ heißt die Ausstellung und das was schwer auf Leib und Seele lastet, das wird jedem bei genauerer Betrachtung schnell deutlich, doch wo ist das Leichte? Das ist gar nicht so einfach auszumachen. Vielleicht steckt es in den Zeichnungen auf Transparentpapier, die z.B. einen schwebenden Teller zeigen, vor einem niedrigen Horizont. Gestaffelte Transparentpapiere, die den Zeichnungen einen eigentümlichen Raum verleihen, der in enger Verbindung zu den Skulpturen steht.

Vielleicht ist dieses Leichte aber auch in allen Arbeiten mit dabei, wie etwa in der Skulptur mit der Leiter, die ein Entkommen aus dem Haus hinauf zu einer Wolke ermöglicht. Wenngleich die Wolke doch wieder sehr schwer erscheint.

Oder es steckt in den idealen Landschaftsentwürfen, in diesen Modellen von Akardien mit regelmäßigen Baumpflanzungen, die in der Mitte schützend ein Haus bergen.

Finden sie es heraus. Ich möchte zum Schluss noch einmal zum Anfang kommen:

Auch wenn es jetzt in meiner Rede vielleicht so schien: eigentlich sind die Arbeiten alles andere als politisch, eindeutig oder mit dem Finger weisend. Es sind ganz einfach stille Zeichen einer eindringlich sensiblen Eigenwelt. Und nichts wäre für Jo Winter schlimmer als wenn man sie auf eine einzige Aussage oder gar Botschaft reduzieren wollte.

Zu der Arbeit „Armenien“ sagte er mir einmal „Die Zeichnungen sind auf einem arabischen Fakimile gemacht, das von den angeblichen Angriffen der Armenier erzählt, wiederum um den Völkermord, begangen durch die Türken, in irgendeiner Form zu rechtfertigen.

Wer mich kennt, weiß aber, dass es mir nicht um eine Parteinahme für oder gegen die Türken, für oder gegen die Armenier geht, das interessiert mich nicht. Ich bin immer auf der Seite der Opfer, das interessiert mich.“

Nutzen Sie die Gelegenheit um mit Jo Winter über seine Arbeit zu sprechen und freuen Sie sich gemeinsam mit mir über die schöne Ausstellung.

Dir lieber Jo herzlichen Dank für die schöne Zusammenarbeit und Ihnen vielen Dank fürs Zuhören.